Lifestyle: Das Reiter-Klischee

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Reiter gelten oft als arrogant, reich und zickig. Einige Leute glauben widerum Reiter waten täglich durch zentimeterhohen Dreck zu ihrem Pferd. Bei vielen gehört man als Reiter entweder in die Schublade der hochnäsigen turnierreitenden Tierquäler oder in die der pazifistischen Öko-Freizeit Zockler. Die Vorurteile und vorgefertigten Meinungen denen man als Reiter im Altag begegnet sind vielfältig und wie so oft liegt die Wahrheit meistens irgendwo dazwischen.

„Wie ist das eigentlich, gehst du auch Turniere und so?“, meine Kollegin schaute mich erwartungvoll an. Irritiert von dieser plötzlichen Frage sah ich von meiner Arbeit auf und antwortete: „Ähm… ja schon, hin und wieder!“ Ihre Augen fingen plötzlich an zu leuchten: „Ach weißt du, ich habe das ja gestern im Fernsehen gesehen. Ich finde das ja schon sehr cool! Würde ich auch gerne können mit den Hindernissen und so. Da steckt so viel Energie in jedem Sprung. Aber sag mal, einfach so Ausreiten in die Natur, vermisst du das dann nicht auch manchmal?“ Ich kratzte mich am Kopf und seufzte: „Moment mal, wer sagt dass ich nicht ausreiten gehe? Ich reite ja nicht jeden Tag auf dem Turnier. Außerdem springe ich nicht, ich reite Dressur.“ Sichtlich enttäuscht schaute meine Kollegin wieder in ihren Bildschirm und meinte nur noch desinteressiert: „Ach so, ich dachte du reitest so richtig…“

Gespräche wie diese habe ich schon gefühlte tausendmal geführt: mit nicht reitenden Verwandten, Freunden oder Arbeitskollegen. Das Bild, das einige von uns Reitern im Kopf haben scheint sich irgendwo zwischen einem S** Springen und Rosamunde Pilcher zu bewegen….
So ist es für manche Personen sicher schockierend zu hören, dass wir nicht jeden Tag mit Jacket und weißer Reithose in den Stall gehen und dort schon ein gestriegeltes und gesatteltes Pferd vom Pferdepfleger überreicht bekommen um dann direkt vom Stall aus auf einem ständig wiehernen Tier im nicht enden wollenden sattgrünen Gelände zu galoppieren.

Dass Reiten auch bedeuten kann Hufeisen auf der Matschkoppel zu suchen, im Frühling nach dem Striegeln mit Winterfell bedeckt zu sein und das Pferd eben nicht nur dann zu bewegen wenn man Lust dazu hat, sehen die Wenigsten. Dass Reiten auch vom Reiter viel Koordinationsvermögen, Balance und Geschick erfordert glauben die meisten Nichtreiter auch nicht, denn Arbeit hat ja sowieso nur das Pferd. Als Reiter kann man meistens sogar froh sein, wenn man nicht sofort als Tierquäler beschimpft wird wenn man erwähnt, dass man Reiter ist.

Eine Stunde später hob meine Kollegin nochmal ihren Kopf. „Was hast du denn für Pferde?“ „Das sind beide Warmblüter… also Sportpferde.“, fügte ich hinzu als ich merkte, dass sie den Begriff nich kannte. „Echt, cool! Zeig doch mal!“ Also zeigt ich ihr ein Foto meiner Rappstute auf meinem Handy. „Das ist meine alte Stute.“ Sie schaute ungläubig auf das Display meines Handys: „Ja aber die ist ja schwarz! Sind nicht alle Stuten weiß und nur Hengste schwarz?“ Ich schmunzelte. Da stellte sich mir natürlich sofort die Frage ob bei Schecken die am meisten vorkommende Farbe der Flecken das Geschlecht bestimmt… Wahrscheinlich sollten demnach Füchse immer als Wallache auf die Welt kommen…

Die Reiter- und Pferdeklischees von Nichtreitern bringen mich oft zum Schmunzeln und das eine oder andere nicht böse gemeinte Vorurteil aufzuklären hat schon oft ganze Abende unterhaltsam gefüllt. Die Vorraussetzung hierfür ist natürlich, dass man gerne die Missverständnisse aufklärt und nicht gleich beleidigt ist. Weniger angenehm sind meistens die Vorbehalte von Reitern unterschiedlicher Reitdisziplinen: die Springreiter reiten grob und verbringen mehr Zeit an der Bar als im Sattel, die Dressurreiter sind besonders hochnäsig und deren Pferde kennen den Bereiter besser als den Besitzer, die Westernreiter können sowieso nichts außer lässig oben sitzen und mit scharfen Gebissen klimpern und die Freizeitreiter würden am liebsten das Reiten an sich abschaffen, weil es ja so böse dem Pferd gegenüber ist. Dieses oder ähnliche Klischees existieren im Reitsport leider immer noch, obwohl unterschiedliche Reitdisziplinen doch eigentlich so viel voneinander lernen könnten.

Als ich an diesem Arbeitstag ins Auto stieg piepste mein Handy: die Erinnerung an den TÜV Termin für den Pferdehänger am nächsten Tag. Ich musste lächeln. So ganz normal ist das Leben von Reitern eben nicht: wenn andere einen Kaffee trinken gehen fahren wir mit unserem Pferdehänger zum TÜV, wenn andere den neuesten Klatsch und Tratsch von ihrem Friseur erfahren, bekommen wir diese Infos von unserem Hufschmied. Wir reden in der Öffentlichkeit von Vorderfußwurzelgelenken, Kreuzverschlag, Gebissen, Traversalen, Sattelzwang und mehr. Kein Wunder werden wir von den Nichtreitern oft missverstanden und als abgehobenes Volk bezeichnet.

Welchen Vorurteilen von Nichtreitern oder Reiterkollegen seit ihr schon begegnet? Wie geht ihr damit um.

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