Lifestyle: Stress und Erholung im Stall

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Für manche Reiter ist das Hobby „Pferd“ Fluch und Segen in einem. Die im Stall verbrachte Zeit nach der Arbeit entspannt die Meisten wie kaum ein anderes Hobby es könnte. Doch manchmal bewirkt das Reiten auch leider das Gegenteil und verursacht fast schon so viel Stress wie die Arbeit…

Hektisch klickte ich bei den Rechner in meinem Büro auf „Herunterfahren“, schnappte mir meine Jacke, rannte die Treppe hinunter und zog meine Stempelkarte durch die Uhr, welche 18:15 Uhr anzeigte. Ich stöhnte. Die Reitstunde ging wie jeden Mittwoch um 19:00 Uhr los und ich war noch nicht im Stall, noch nicht umgezogen und mein Pferd war noch nicht gerichtet. Nein, ich war ja noch nicht einmal bei meinem Auto. Noch während ich über den Parkplatz flitzte verfluchte ich in Gedanken alle Kollegen, die bis gerade eben noch mit mir in der Besprechung saßen und dazu beigetragen hatten, dass die Entscheidung lange gedauert hatte, sehr lange.
„Hm, die können ja aber eigentlich auch nichts dafür…“, seufzte ich später im Auto als ich fast schon wieder fröhlich und entspannt die letzten Kilometer zum Stall fuhr und laut Radio hörte.

Im Stall angekommen zog ich mich so schnell es ging um, ignorierte dass meine Chaps eigentlich dringend noch geputzt werden mussten und lief zur Box meiner Stute, die zu diesem Zeitpunkt noch keine Rentnerin war. Ausgerechnet an diesem Tag hatte sie sich aber entschieden ihre Rappfarbe gegen die modische „Schlammfarbe“ zu tauschen. Fluchend versuchte ich sie mit meinem Striegel so schnell es ging wieder frei zu kratzen. Als ich schließlich in der Reithalle ankam war es bereits 19:10 Uhr. Meine Stute hatte immer noch eine dezente Staubschicht im Fell und ich war von der Hose bis zur Jacke ebenfalls komplett in Haaren und Staub gehüllt. „Aha, auch schon da…?!“, zischte meine Reitlehrerin. „Hm, sorry…“, antwortete ich. „Wenn die wüsste wie ich mich abgehetzt habe um es überhaupt noch schaffen zu können!“, dachte ich mir und knirschte mit den Zähnen. Als ich aufstieg und losreiten wollte ging meine Stute genau zwei Schritte, dann blieb sie stehen, fing an zu brummeln, hob den Schweif und weigerte sich auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Sie war mal wieder hoch rossig, was in ihrem Fall jedes Mal bedeutete, dass sie schon bei leichtem Schenkeldruck sofort stehen blieb und anfing zu rossen. Die Reitstunde schien ein riesen Spaß zu werden. Ich ließ den Kopf hängen. Warum tut man sich das nach der Arbeit eigentlich an?

So wie an diesem Tag läuft es leider öfter am Mittwoch wenn ich Reitstunde habe. Mich ärgert die Tatsache, dass ich zwar nur einmal in der Woche einen festen Termin im Stall habe, aber ausgerechnet an diesem Tag immer wichtige Besprechungen, Sonderaufgaben und Ähnliches kurz vor Feierabend anstehen. Natürlich bin ich auch sonst nicht wirklich begeistert, wenn ich erst um 21:00 abends so langsam mit dem Reiten fertig werde, doch das ist normalerweise nicht ganz so schlimm. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich auf der Arbeit doch oft dieses „Nachher muss ich ja noch in den Stall“ im Hinterkopf habe. Egal ob man nun Schulpferde reitet, eine Reitbeteiligung hat oder sogar ein eigenes Pferd: sobald sich eine gewisse Regelmäßigkeit beim Reiten entwickelt wird es auch immer wieder Tage und Momente geben, in denen es auf Grund anderer Termine und Verpflichtungen eigentlich noch eine Zusatzbelastung ist in den Stall zu gehen. Ich glaube dass solche Momente aber in Maßen auch völlig normal sind, in denen das Hobby zur Belastung werden kann. Bei jedem Sport, bei dem man eine Verpflichtung eingeht, z.B. der Mannschaft oder dem tierischen Sportskameraden gegenüber, sind auch belastende und anstrengende Momente manchmal unvermeidbar.
Ich finde es in so einer Stresssituation nur wichtig, dass man sich stets vor Augen führt, dass das Pferd nicht Schuld daran ist, dass man auch nach einem stressigen Arbeitstag noch Zeit investieren „muss“. Oft sehe ich Reiter die ihr Pferd unfair behandeln, weil es nicht perfekt „funktioniert“ wenn der Reiter schon schlecht gelaunt aufsteigt.
Ich weiß genau dass niemand ganz davor sicher ist ohne es zu wollen doch einmal einen Stallkollegen oder das Pferd unfair zu behandeln, wenn man einen wirklich schlechten Tag hatte. Aus diesem Grund verzichte ich bewusst darauf mit meinem Pferd zu arbeiten, wenn ich mich nicht gut fühle und gehe stattdessen lieber an einem solchen Tag ins Gelände. So erhole ich mich besser und vermeide auch „launisch“ zu reiten.

Aus diesem Grund ging ich auch am darauffolgenden Tag ins Gelände. Beim Arbeiten war es wieder recht lang geworden und so ritt ich vorsichtshalber mit reflektierenden Gamaschen und Helmlampe los. Gemütlich galoppierte ich mit meiner zufriedenen Stute über ein Stoppelfeld. Und plötzlich war der Stress der Arbeit wieder wie weggeblasen. Ich atmete die milde, duftende Luft ein, spürte noch die allerletzten Sonnenstrahlen auf meiner Haut, klopfte meiner Stute auf den Hals und war überglücklich.

Bei allem Stress und trotz dem ausgeklügelten Zeitmanagement dass man an den Tag legen muss um neben Freunden und Beruf reiten zu können: Es gibt wohl Nichts was uns Menschen so glücklich machen kann wie ein Pferd.

Wie begegnet ihr Stress im Stall? Was entspannt euch mehr, ein gemütlicher Ausritt oder eine gelungene Trainingsrunde?

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